Vom Dolmetscher-Institut  der Handelshochschule Mannheim
zum Seminar für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg

Helmuth Sagawe

Das Seminar für Übersetzen und Dolmetschen blickt auf eine lange Tradition und Geschichte zurück, die heute meist im Kontext der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung sowie bei der Ausrichtung der wissenschaftlichen Forschung nicht akzeptiert bzw. ignoriert wird: Es ist die erste Institution für Übersetzen und Dolmetschen der Neuzeit, 1928 in Mannheim vom Schweizer Romanisten Professor Charles Glauser konzipiert und 1929 von Dr. Gutkind, seinem ersten wissenschaftlichen Leiter, ebendort unter dem Namen Dolmetscher-Institut, kurz  "DI", gegründet, unter dem es bis heute in Heidelberg und darüber hinaus in der ganzen Welt bekannt ist.

Die Geschichte dieser Einrichtung hat allerdings nicht in Heidelberg ihren Ursprung, sondern an der 1909 auf Vorschlag des Heidelberger Professors Eberhard Grotheim gegründeten Handelshochschule Mannheim. Dort stellt Professor Glauser am 24. Oktober 1928 den Antrag, ein "Institut zur Erforschung der kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenhänge in den romanischen Ländern" zu gründen. Herzstück soll eine "sprach- und wirtschaftswissenschaftliche Dolmetscherschule" sein, um innerhalb von zwei bis vier Semestern Absolventen für den diplomatischen und konsularischen  Dienst, aber auch für kommerzielle und industrielle Betriebe auszubilden.

Obwohl Rektor, Senat und Kuratorium der Mannheimer Handelshochschule sowie der Reichs-Arbeitsminister  diesen Vorschlag unterstützen, verzögert sich  die konkrete Umsetzung aus finanziellen Gründen noch bis zum Wintersemester 1929/30. Und erst am 7. Mai 1930, also zum Sommersemester, nimmt das Dolmetscher-Institut in den Räumen der Reiss-Villa in Mannheim (E7, 20) dann mit 41 Studierenden tatsächlich den Lehrbetrieb auf.


Villa Reiss, Universitätsarchiv Heidelberg

1933, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, beginnt für den Lehrkörper eine schwierige Zeit, und dem Institut widerfährt eine wesentliche politische Gewichtung. Jüdische Mitarbeiter werden beurlaubt bzw. entlassen. Die verbleibenden Mitarbeiter stehen dem Regime durchaus kritisch, teils aber auch angepasst bis unterstützend gegenüber. Verwaltungstechnisch wird die Handelshochschule Mannheim von den Nationalsozialisten der Universität Heidelberg angegliedert, somit auch das Dolmetscher-Institut, das in die Philosophische Fakultät integriert und in der Augustinergasse 15 untergebracht wird.

 
Bild: Augustinergasse 15, Heidelberg
Universitätsarchiv Heidelberg

Mit wenigen Ausnahmen wie Alfred Weber, Direktor des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften, der das Hissen der Hakenkreuz-Fahne an seinem Institut nicht duldet, oder dem Senat der Universität, der die Entlassungen der jüdischen Mitarbeiter am 10. April 1933 noch verurteilt, jedoch die zunehmende Radikalisierung der Studentenschaft und auch die Bücherverbrennung  vom 18. Mai 1933 auf dem Universitätsplatz nicht verhindern kann, gibt es in Mannheim und Heidelberg kaum Widerstand gegen die Nationalsozialisten

Die  Nationalsozialisten verbieten ausländische Zeitungen wie den Daily Herald, den New Statesman and Nation oder die Depêche de Toulouse und beschlagnahmen den gesamten Schriftverkehr des Instituts. Jüdische Studierende dürfen aufgrund einer vom Rektor der Universität Heidelberg  erstellen Liste nicht mehr weiterstudieren.

Die nationalsozialistische Studentenschaft fordert, dass das DI in eine zu schaffende "wirtschaftlich-politisch-propagandistische" Einheit, genannt INSOSTA (Institut für Sozial- und Staats- sowie Zeitungswissenschaften), überführt und somit einer nationalsozialistisch wertvolleren Aufgabe zugeführt werden solle. Infolge der studentischen Forderungen und nach Auswechslung von Leitung und Beirat wird das Institut ausgebaut mit dem Ziel, "diese an den deutschen Hochschulen einzigartige Lehrstätte zu gesteigerten Leistungen" zu befähigen. Die Ausbildung  hat, "ausgehend von der Sprachkenntnis, zur Wehrhaftmachung auf ausländischem und außenpolitischen Gebieten " zu dienen. Das Lesen z.B. von Immanuel Kant und Oswald Spengler wird untersagt.

Im Wintersemester 1935/36 werden die bis heute stattfindenden Montagskonferenzen eingeführt, öffentliche Vorträge, die simultan und konsekutiv gedolmetscht werden.

Im Vordergrund steht nun die sprachliche Ausbildung des Offiziersnachwuchses unter besonderer Berücksichtigung der Militärsprache und des Militärdolmetschens, was zu einer drastischen Erhöhung der Studentenzahlen führt. Das hieraus resultierende Raumproblem wird im Wintersemester 1937/38 durch den Umzug des Dolmetscher-Instituts in die Plöck 50, ins ehemalige Haus der Museumsgesellschaft, gelöst; zugleich wird das Institut 1938 finanziell durch den Haushaltsplan der Universität abgesichert. Der Lehrbetrieb wird aufgrund einer ministeriellen Anordnung in den Abteilungen Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch fortgeführt; eine Rumänische, Portugiesische und Polnische Abteilung sollen neu aufgebaut werden. Zwar sind einige ausländische Lektoren wegen des Kriegsausbruches in ihre Heimatländer zurückgekehrt, jedoch werden aus dem sog. neutralen Ausland genügend Lehrkräfte eingestellt, die auch die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Alle anderen Fakultäten müssen infolge des Krieges den Vorlesungsbetrieb einstellen, nur im Dolmetscher-Institut kann der Lehrbetrieb mit 262 Studierenden aus kriegsstrategischen Gründen aufrechterhalten werden. Als "Rückgrat der Universität Heidelberg"  bezeichnet, sind 1941 600 Studierende am Dolmetscher-Institut eingeschrieben. Die Englische Abteilung wird  in die Klingenteichstraße 21 ausgelagert.


Dolmetscher-Institut in der Plöck 50
Universitätsarchiv Heidelberg

Die propagandistische Betreuung und Beratung beim Aufbau des Heeres- bzw. Wehrmachtssprachmittlerwesens (Archiv B-6695/5, Blatt 129) soll eine "wissenschaftliche Auslese von Männern erziehen", die für "die Zukunftsaufgaben des von Großdeutschland geführten Erdteils" ein "unschätzbares, ja im Grunde notwendiges Rüstzeug" mitbringen (Blatt 130).

1942 kommt die - bis heute beibehaltene - wissenschaftliche Ausrichtung des Instituts auf lexikographische Erforschung und wissenschaftliche Bearbeitung der Sprache der Technik (also Fachsprachenforschung und fachsprachliche Terminologieforschung) hinzu, auch neue Sprachen wie Schwedisch, Niederländisch und Japanisch werden angeboten. 

Neben den mittlerweile in Berlin, Leipzig, Königsberg und Wien entstandenen Dolmetscher-Instituten soll auch in Heidelberg die Sprachmittler-Ausbildung ausgebaut werden, jedoch mit Numerus Clausus und einer Beschränkung auf 500 weibliche Studierende.

Im Wintersemester 1944/45 melden sich alle Studierenden, die nicht gerade im Examenssemester sind, zum Arbeitsdienst bzw. Kriegseinsatz, doch  am 30. März 1945 endet der Krieg in Heidelberg mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, und alle Unterrichtsanstalten werden durch die Siegermächte geschlossen.

Am 29.7. 1945, in einer "Petition For The Reopening of Linguistics Study at Heidelberg University"  an das Military Gouvernement of Heidelberg, wird die Öffnung des Dolmetscher-Instituts als wertvolle Hilfe für die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und amerikanischen Behörden vorgeschlagen. Aus: Stellungnahme zu aktuellen Fragen des Dolmetscher-Instituts, Heidelberg, 17. Feb. 1960, Dr. B.Beinert, Universitätsarchiv Heidelberg

Das DI wird von der neuen entnazifizierten Universitätsleitung der Philosophischen Fakultät für Zwecke des praktischen Sprachunterrichts angegliedert, jedoch als praxisorientiertes Institut bewusst nicht in die Heidelberger Universität eingegliedert. Hier sollen Lehrer und Lektoren, jedoch keine Professoren und Forscher wirken.

Am 7. Februar 1946 erteilt die amerikanische Militärregierung die Genehmigung zur Wiedereröffnung des Dolmetscher-Instituts, das am 1. März 1946 als älteste Ausbildungsstätte Europas für Übersetzer und Dolmetscher seinen Lehrbetrieb mit einer Beschränkung von maximal 220 Studierenden wieder aufnehmen kann. Es wird versucht, neue Ausbildungskonzepte und Sprachkombinationen zu erarbeiten.


Aus: Stellungnahme zu aktuellen Fragen des Dolmetscher-Instituts, Heidelberg 17. Feb. 1960, Dr. B.Beinert, Universitätsarchiv Heidelberg

Anfangs ist das DI aufgrund seines Hervorgehens aus der Mannheimer Wirtschaftshochschule an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Heidelberg angesiedelt, später an der Philosophischen Fakultät. 1969, nach der Teilung der Philosophischen Fakultät, wird das Dolmetscher-Institut als "Institut für Übersetzen und Dolmetschen " in die Neuphilologische Fakultät eingegliedert.

In der Nachkriegszeit hat das Dolmetscher-Institut als sogenannte "praxisorientierte Einrichtung" immer wieder mit dem akademischen Selbstverständnis und dem Standort Heidelberg zu kämpfen. Zuerst die Diskussion um die Rückverlegung des Instituts an die staatliche Wirtschaftshochschule Mannheim, die 1956 durch einen Entscheid des Stuttgarter Ministeriums zugunsten der Universität Heidelberg beendet wird, später, 1986, dann die Absicht einer Ausgliederung an die Pädagogische Hochschule Heidelberg und vor nicht allzu langer Zeit die Umsiedlung zur Fachhochschule Heilbronn.

Das Dolmetscher-Institut konnte all diesen Bestrebungen widerstehen, nicht nur, dass dessen Absolventen hochqualifiziert in Bundesbehörden, wie z. B. dem Auswärtigem Amt und anderen Behörden arbeiten, sondern auch dadurch, dass auf wissenschaftlichem Gebiet sich langsam am Heidelberger Dolmetscher-Institut eine Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft etabliert, deren unterschiedliche Vertreter nicht zuletzt aus dem Heidelberger Dolmetscher-Institut selbst hervorgingen oder dort auch gelehrt hatten.

Abgesehen von den meist sprachwissenschaftlich ausgerichteten Lehrenden ist das Institut mit Namen wie Fritz Paepcke, als Vertreter des Hermeneutischen Übersetzens, Hans J. Vermeer als Begründer der Skopostheorie, Silvia Kalina,  die die Dolmetschwissenschaft sehr stark etablierte, Heinz Göhring, Konferenzdolmetscher und Soziologe/Politologe, sowie anderen, die nach der Ausbildung am Heidelberger  DI und anderswo  als professorale Hochschullehrer wirken, wie Heidi Aschenberg, Christiane Nord, Heidrun Gerzymisch-Arbogast und vielen mehr, verbunden.

Den Weg in die Neuen Medien, sowie die Notwendigkeit des  Einsatzes von Computern für die übersetzungswissenschaftliche Ausbildung der Studierenden erkennt Christian Schmitt 1982 schon früh und forciert ihn gegen den Willen seiner philologisch ausgerichteten Kollegen. Mit einen Lehrauftrag für Helmuth Sagawe beginnt am IÜD das Elektronische Zeitalter für den Übersetzer und Dolmetscher.

Dass Computer und Philologie nicht zusammengehen sollen, ist ein längst überholter Anachronismus: "Die Fähigkeit mit dem Personalcomputer umzugehen", führte der stellvertretende IÜD - Direktor, Professor Willi Birkenmaier aus, "ist die wichtigste Voraussetzung, um im Bereich des Übersetzens zu arbeiten. Dafür schaffen wir hier die Voraussetzungen!" - "Der weltweite Zugang zu den Datenbanken ist der größte Vorteil der Vernetzung", freute sich Birkenmaier übers (Computer-) Tor zur Welt.
Das vorrangige Ziel der Einrichtung besteht darin, eine gründliche Einführung in Textverarbeitungsprogramme und Computerlinguistik zu ermöglichen. Des weiteren wird der Forderung der Wirtschaft nach praxisnahen Kenntnissen über Terminologiedatenbanken und Übersetzungssystemen entgegengekommen. Insofern bezeichnete Helmuth Sagawe, Leiter des Computerzentrums, die Lehre denn auch als "Hauptaufgabe" der Einrichtung, neben der Unterstützung der Forschung." (Aus: Rhein-Neckar-Zeitung vom 31. Mai 1989)

Inzwischen konnte die "Lehr- und Forschungsinsel" des Fächerübergreifenden Bereichs  mit allen führenden computergestützten Übersetzungs-Tools durch die Unterstützung des Seminardirektors Prof. Joachim Kornelius  ausgestattet werden. Diese Systeme haben heute im Übersetzeralltag ihren festen Platz und sind aus diesem nicht mehr wegzudenken.

Schon 1959 wurde auf die Verantwortung der Dolmetscher hingewiesen und die Bedeutung der Ausbildung betont:  "... neben den Sprachkenntnissen eine vielseitige Bildung und Fachkenntnisse in den zentralen Wissenschaften, Rechtswissenschaft, insbesondere Verwaltungsrecht und Verfassungsrecht, die das heutige öffentliche Leben bestimmen, sowie Kenntnisse in politischen Wissenschaften zu vermitteln". Hinzu kommt Wissen in  der Geographie, Geschichte des Staatsaufbaus und der neueren Literatur der Länder der betreffenden Sprachgebiete. (Dr. B. Beinert, Das Dolmetscherinstitut der Universität Heidelberg, Skript vom 16.6.1959)
Heute sind die u.a. zentrale Anforderungen an die universitäre Ausbildung: das übersetzerische Handeln als interkulturelle sprachliche Kommunikation und die Fähigkeit zur wissenschaftlichen  Analyse und Reflexion dieses Handelns. (Leitfaden für Grundstudium und Vorprüfung, Stand WS 1990/91, Universität Heidelberg, Institut für Übersetzen und Dolmetschen). Interkulturelle Kompetenz, aber auch Wissenschaftstheorie gehören dazu.


SÜD, Plöck 57a,
Photo: H. Sagawe 2008

Auf Grund von Umstrukturierungsmaßnahmen der Universität ist im Mai 2005 das Institut für Übersetzen und Dolmetschen als Seminar für Übersetzen und Dolmetschen (SÜD) innerhalb der Neuphilologischen Fakultät in ein neu gegründetes Institut für Allgemeine und Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaftwissenschaft (IASK)  integriert worden. Zum IASK gehören nun ebenfalls als Seminare die ehemaligen Institute Computerlinguistik und Deutsch als Fremdsprachenphilologie. Dennoch kann man immer  wieder den Namen "Heidelberger Dolmetscher-Institut" oder nur kurz "DI" in der Presse, auf Veranstaltungsankündigungen, ja selbst auf den Fluchtplänen in den Unterrichtssälen lesen. Wegen seiner langen Tradition scheint das "DI"  aus den Köpfen der Heidelberger Bevölkerung nicht wegzudenken zu sein, und deshalb wissen  die meisten Leute mit dem "SÜD" auch heute noch nichts anzufangen.

 

Dr. phil. Helmuth Sagawe M.A.

Heidelberg, im Januar 2012

 


Zeitungsberichte:

Heidelberger Tageblatt vom 1.12.1078: "Manche übersetzen keinen Satz im Semester, am Institut für Übersetzen sind die Hörsäle überfüllt / Betroffene berichten"

RNZ vom 1.12.78: "´Wir wollen studieren: aber wie?´ Klagen am Institut für Übersetzen und Dolmetschen - Studenten und Lehrkräfte informieren"

Heidelberger Tageblatt vom 28.9.1979: "Ab 1980 wird die Lage für Übersetzer erheblich besser, Ministerium verweist auf Umbau und Personalordnung"

 

 


 

Quellen:

 

Beinert, Berthold: "Weg und Aufgaben des Dolmetscher-Instituts", Bulletin der Bundesregierung vom 11.9.1953

 

Classen, Peter und Wolgast, Eike: Kleine Geschichte der Universität Heidelberg, Berlin, Springerverlag 1983

 

Ruperto Carola: Mitteilungen des Vereins der Freunde der Studentenschaft der Universität, Jg.7/1955, Juni 1955, Nr. 17

 

Seipel, Nina: Zur Geschichte des Instituts für Übersetzen und Dolmetschen: In der Zeit des Dolmetscher-Instituts 1928-1956, Diplomarbeit am Institut für Übersetzen der Universität Heidelberg, 2004

 

Universitätsarchiv Heidelberg

 

Vezina, Birgit: Die Gleichschaltung der Universität Heidelberg im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung, Heidelberg, Carl Winter Universitätsverlag 1982

 

Wolgast, Eike: Die Universität Heidelberg 1386-1986, Springer Verlag 1986